An alle Fans des Bonner Basketballs

Dieser Text erschien zuerst im Sonderzug-Heft, das wir Euch bald in voller Länge zur Verfügung stellen werden.

Liebe Basketsfans,

wir freuen uns, Euch an Bord begrüßen zu dürfen und halten, weil wir es selbst kaum glauben können, für das Logbuch fest: Heute, am 24. September 2016 starten wir mit einem dicken Ausrufezeichen in die neue Bundesliga-Spielzeit und fahren gemeinsam in einem Sonderzug nach Berlin! Damit erklimmen wir gleich zu Saisonbeginn die höchste Stufe aller möglichen Organisationsformen einer Auswärtsfahrt. Mit dem Auto unter der Woche nach Bremerhaven? Wenns‘ denn sein muss. Im Bus an einem Sonntag nach Braunschweig? Auch das nehmen wir auf uns. Auf der MS Beethoven rheinabwärts nach Kölle schippern? Lang lang ist’s her, bleibt aber in guter Erinnerung. In einem Sonderzug an die Spree? Unvergleichlich!

img_4124Nun sehen wir uns also endlich wieder auf der Schiene Richtung Hauptstadt fahren, nach acht sonderzugfreien Jahren. Für einige von Euch dürfte es das erste Erlebnis dieser Art sein. Genießt es! Kaum etwas ist für die Bonner Fangemeinschaft je identitätsstiftender gewesen als diese Züge. Kaum etwas hat mehr dazu beigetragen, dass sich am Rhein eine Fankultur entwickelt hat, die im Deutschen Basketball nach wie vor ihresgleichen sucht. Wir schreiben das nicht aus Überheblichkeit oder einem unstillbaren Bedürfnis nach Anerkennung. Wir sind mit Sicherheit nicht die einzigen Basketballfans in Deutschland, die gerne reisen, lautstark anfeuern und aufwändige Choreografien gestalten. Wir wissen aber aus eigener Erfahrung, dass Fanszenen ihre Höhen und Tiefen haben. In der Höhe erfolgreicher Zeiten ist es nicht besonders schwierig, Menschen für Basketball zu begeistern, eine Halle zum Kochen zu bringen und zahlreiche Fans für wichtige Auswärtsspiele zu mobilisieren. In der Tiefe einer sportlichen Krise allerdings offenbart sich die wahre Identität einer Fanszene. Welchen Umgang wählen, wenn die Saison einmal nicht wie geplant verläuft? Was tun, wenn sich das gewohnte Playoff-Versprechen nicht einlöst und stattdessen das Abstiegsgespenst umhergeht? Auswärtsfahrt oder Livestream? Bedingungslose Unterstützung oder Support-Boykott? Solche Entscheidungen haben nicht zu unterschätzende Folgen. Stellen sich Fans gegen ihre Mannschaft oder gar ihren gesamten Verein, können vorhandene Risse in einem Teamgefüge vertieft, können Erschütterungen im Umfeld eines jeden Clubs weiter verstärkt werden.

img_1280-largeDiese und andere Fragen haben uns in der vergangenen Saison beschäftigt. Unser Anspruch, Motor im Herzen des Blocks Süd zu sein, zieht Verantwortung nach sich. Dessen sind wir uns bewusst. Verantwortung für die Stimmung in und außerhalb der Halle, Verantwortung für die Außendarstellung der gesamten Fanszene, Verantwortung gegenüber vielen anderen Fans, die sich an vermeintlichen Vorbildern orientieren. Wir haben vergangene Saison auch intern oft und kontrovers über den richtigen Umgang mit der sportlichen Misere und einem blutleer wirkenden Team diskutiert. Wir haben unsere Kritik geäußert, aber weniger öffentlich und diskreter als in vergleichbaren Situationen vergangener Jahre. Wir haben uns schließlich darauf geeinigt, diese Saison gemeinsam mit Mannschaft und Club irgendwie hinter uns zu bringen. Als dann der letzte Pass gespielt und der letzte Ball geworfen war, verabschiedeten auch wir uns erleichtert in die Sommerpause. Doch eins war klar: Die neue Saison sollte mit einem echten Knaller beginnen.

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Dieser Zug ist unsere Antwort auf die Ernüchterung der vergangenen Spielzeit. Dieser Tag ist unser wissendes Grinsen in die Gesichter all derjenigen, die immer wieder aufs Neue den Niedergang des Bonner Basketballs mitsamt seinen einst so glorreichen Fans aufziehen sehen. In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ein kollektives Zeichen für den Bonner Basketball zu setzen: Wir stehen zusammen wie am allerersten Tag und sind gemeinsam auf dem Weg zu neuen Zielen. Wir blicken stolz zurück auf 20 Jahre Telekom Baskets Bonn. Die Organisation dieses Sonderzuges hat uns mal wieder vor Augen geführt, welche Fundamente auf dem Hardtberg gelegt wurden. Sie materialisieren sich in unserem 6.000 Zuschauer fassenden Zuhause, doch sie reichen deutlich tiefer in die Erde. Der Ameisenstaat hat sich weiterentwickelt und seine Strukturen professionalisiert, seine Kultur aber lebt immer noch weiter, so wie die Erfahrungen von acht Sonderzügen unauslöschbarer Bestandteil im kollektiven Gedächtnis der Baskets-Familie geworden sind. Wenn die Zusammenarbeit zwischen Fans, Verein und Team in den vergangenen Wochen ein Indikator dafür ist, wohin unsere Reise dieses Jahr geht, dann könnten wir uns im Juni auf den Gleisen wiedersehen.

dscf5750Vor 60 Tagen starteten wir eine Facebook-Umfrage, wie viele Fans in einem Sonderzug zum ersten Spieltag nach Berlin mitfahren würden. Das Ergebnis war nicht überwältigend, aber bot genug Aussagkraft, um die wichtigsten Akteure einer solchen Unternehmung miteinander ins Gespräch zu bringen. Schließlich zogen SCB, Die Fans – Defense und Telekom Baskets an einem Strang und der lautete: Back to the rails! Alle zückten ihre Portemonnaies und legten auf den Tisch, was die Konten hergaben. Wolfgang Wiedlich überzeugte die Sponsoren, wir mobilisierten die Fans und verhandelten mit der Centralbahn AG eine Zugzusammenstellung, die unseren Ansprüchen gerecht wird. Natürlich müssen es zwei Partywagen sein, wenn die Bonner Jecken auf Tour gehen. Selbstverständlich brauchen wir extra 1.Klasse-Wagen, damit die Mannschaft auf dem Rückweg mitfahren und vor allem mitfeiern kann. Denn Gründe zu feiern gibt es genug: Der Fanclub Die Fans – Defense wird diese Saison 20 Jahre alt und auch der Supporters Club Bonn geht in seine zehnte Saison. Es ist kein Ausdruck von Selbstverliebtheit, wenn wir uns an dieser Stelle derartig Raum nehmen. Vielmehr können wir voller Selbstbewusstsein sagen, dass gerade diese einzigartige Konstanz in der Fanszene uns ein großartiges Ereignis wie die heutige Zugfahrt ermöglicht. Dieser Zug wurde von Menschen auf die Schiene gebracht, die 1997 als Kleinkinder mitgefahren sind, gemeinsam mit Fans, die noch überhaupt keinen Baskets-Sonderzug von innen gesehen haben, wiederum zusammen mit altgedienten Vordenkern und Vormachern aus den jungen wilden Jahren. Vor fünf Jahren, zum Anlass des 15jährigen Bestehen unseres Vereins, präsentierte der SCB zu Beginn der zweiten Halbzeit einer Partie gegen Oldenburg ein Spruchband mit der Aufschrift: „15 Jahre ohne Titel und uns scheint immer noch die Sonne aus dem Arsch“ (die Vulgärformulierung rekurriert auf einen Tarantino-Klassiker von 1996 und gehört daher auch nicht zensiert). Fünf Jahre später möchten wir hinzufügen: „Sie schien noch nie heller!“

img_3230Dies ist aber nicht nur ein Tag zum Feiern, dies ist auch ein Tag für Nostalgie. Erzählen wir uns noch einmal die Geschichten von früher: Vom proppenvollen Pennenfeld, vom Dreier vom Parkplatz, von Derbys gegen Rhöndorf, von der nicht endenden Schlange in der Vorverkaufsstelle, von „The Game“ in der Kölnarena, aber auch von Miah Davis 3.7 Sekunden, vom Pflastern eines Parkplatzes, von der Eröffnung unseres neuen Zuhauses, vom Finaleinzug in Berlin, selbst von der bittersten aller Niederlagen am Tag als Michael Jackson starb. Wir können lachen und wir können weinen. Solange wir zusammen lachen und solange wir zusammen weinen. Liebe Basketsfans, wir erleben heute einen weiteren Höhepunkt einer ereignisreichen Geschichte, unserer gemeinsamen und geteilten Geschichte. Wir sind zu hunderten unterwegs mit der besten Absicht, unsere Mannschaft mit brennenden Herzen und aus vollen Kehlen zu unterstützen. Es ist der erste Spieltag der Saison 2016/17. Die Telekom Baskets Bonn und ihre Fans sind zurück auf der Schiene. Berlin ist der nächste Zwischenhalt, aber unsere gemeinsame Reise wird weiter gehen.

Supporters Club Bonn